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Der Begriff Multimodaler Verkehr beschreibt ein Verkehrskonzept, das verschiedene Transportmittel kombiniert, um effiziente, umweltfreundliche und flexible Mobilitätslösungen zu schaffen. In Deutschland gewinnt dieses Konzept angesichts steigender Verkehrsbelastung und Klimaziele zunehmend an Bedeutung, da es die Stärken einzelner Verkehrsmittel wie Bahn, Bus, Rad oder Auto gezielt verknüpft.

Allgemeine Beschreibung

Multimodaler Verkehr bezeichnet die nahtlose Verknüpfung unterschiedlicher Verkehrsmittel innerhalb einer Reisekette, wobei jedes Transportmittel für den Abschnitt genutzt wird, für den es am besten geeignet ist. Ziel ist es, die Vorteile der einzelnen Verkehrsarten – etwa die Schnelligkeit der Bahn auf Langstrecken, die Flexibilität des Autos im ländlichen Raum oder die Umweltfreundlichkeit des Fahrrads im Stadtverkehr – zu kombinieren, während deren Nachteile minimiert werden.

Ein zentrales Merkmal ist die Intermodalität, also der reibungslose Wechsel zwischen den Verkehrsmitteln, der durch gut abgestimmte Taktungen, gemeinsame Tarifsysteme und physische Infrastruktur wie Umsteigeknoten (z. B. Bahnhofsvorplätze mit Fahrradabstellanlagen oder Carsharing-Stationen) ermöglicht wird. In Deutschland wird dies durch integrierte Verkehrsverbünde wie den Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) oder den Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) umgesetzt, die regionale und lokale Angebote bündeln.

Die Europäische Union fördert multimodale Verkehrskonzepte im Rahmen der TEN-T-Richtlinie (Trans-European Transport Network), die auf eine nachhaltige und vernetzte Mobilität in Europa abzielt. In Deutschland wird dies durch das Bundesverkehrswegeplan (BVWP) und das Personenbeförderungsgesetz (PBefG) rechtlich untermauert, die den Ausbau intermodaler Knotenpunkte und die Digitalisierung von Buchungs- und Informationssystemen vorantreiben.

Technologisch spielt die Digitalisierung eine Schlüsselrolle: Apps wie DB Navigator oder Google Maps ermöglichen Echtzeit-Informationen zu Verbindungen, Verspätungen und Alternativrouten, während Mobility-as-a-Service (MaaS)-Plattformen (z. B. Jelbi in Berlin) verschiedene Verkehrsmittel in einer Buchungsoberfläche vereinen. Zudem tragen autonome Shuttles und E-Ladestationen an Bahnhöfen zur Attraktivität multimodaler Angebote bei.

Historische Entwicklung in Deutschland

Die Wurzeln des multimodalen Verkehrs in Deutschland reichen bis in die 1970er-Jahre zurück, als erste Verkehrsverbünde wie der Hamburger Verkehrsverbund (HVV, 1967) gegründet wurden, um Bus und Bahn unter einem Tarif zu vereinen. In den 1990er-Jahren gewann das Konzept durch die deutsche Wiedervereinigung an Dynamik, da die Infrastruktur in Ost und West harmonisiert werden musste. Ein Meilenstein war die Einführung des Deutschlandtakts (ab 2020), der durch taktische Fahrpläne und Ausbauprojekte (z. B. Stuttgart 21) Umstiege zwischen Fern- und Regionalverkehr beschleunigen soll.

Seit den 2010er-Jahren rückt die Verkehrswende in den Fokus, getrieben durch Klimaziele wie das Klimaschutzgesetz 2021, das eine Reduktion der CO₂-Emissionen im Verkehr um 48 % bis 2030 (gegenüber 1990) vorsieht. Projekte wie das "ioki"-On-Demand-Shuttle (eine Tochter der Deutschen Bahn) oder die Förderung von Radschnellwegen (z. B. RS1 Ruhr) zeigen die zunehmende Verknüpfung von ÖPNV, Individualverkehr und neuen Mobilitätsformen.

Technische und planerische Aspekte

Die Umsetzung multimodaler Verkehrssysteme erfordert eine enge Abstimmung zwischen Infrastruktur, Betrieb und Digitalisierung. Zentrale Elemente sind:

Physische Infrastruktur: Umsteigeknoten müssen barrierefrei gestaltet sein und kurze Wege zwischen den Verkehrsmitteln bieten. Beispiele sind die "Mobility Hubs" in Köln oder Frankfurt, die Bahn, Bus, Carsharing, Leihräder und Taxen an einem Ort bündeln. Laut Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) sollen bis 2030 mindestens 100 solche Knoten in Deutschland entstehen.

Tarifliche Integration: Einheitliche Tarifsysteme wie das "Deutschlandticket"** (seit 2023 für 49 €/Monat) ermöglichen die Nutzung aller öffentlichen Verkehrsmittel bundesweit und fördern die Kombination mit anderen Mobilitätsangeboten. Ergänzt wird dies durch City-Maut-Modelle (z. B. in Stuttgart diskutiert), die den Autoverkehr in Innenstädten reduzieren und multimodale Alternativen attraktiver machen sollen.

Daten und Vernetzung: Offene Schnittstellen (z. B. "Mobilitätsdaten-Marktplatz" des BMDV) ermöglichen es Drittanbietern, Echtzeitdaten zu Verbindungen, Verfügbarkeiten (z. B. Leihräder) oder Parkplätzen in Apps zu integrieren. Die "Digitale Schiene Deutschland" (DSD) der Deutschen Bahn treibt zudem die Automatisierung von Zügen voran, um Taktungen zu verdichten.

Anwendungsbereiche

  • Stadtverkehr: In Metropolen wie Berlin oder München reduzieren multimodale Angebote Staus und Emissionen, indem sie den Umstieg vom Auto auf ÖPNV, Leihräder oder E-Scooter fördern. Projekte wie "Berlin Mobil" kombinieren ÖPNV mit Carsharing und Bike-Sharing in einer App.
  • Ländlicher Raum: Hier überbrücken On-Demand-Shuttles (z. B. "ioki" in Baden-Württemberg) die "letzte Meile" zwischen Dorf und Bahnhof, wo klassische Buslinien unwirtschaftlich wären. Ergänzt wird dies durch "Bürgerbusse"**, die von Ehrenamtlichen betrieben werden.
  • Güterverkehr: Auch im Frachtbereich setzt sich Multimodalität durch, etwa durch die Kombination von Bahn (für Langstrecken) und LKW (für die "letzte Meile"). Das "Kombinierter Verkehr"-Netz der Deutschen Bahn verknüpft Häfen, Terminals und Industriegebiete.
  • Tourismus: Regionen wie der Schwarzwald oder die Alpen werben mit multimodalen Angeboten wie der "KONUS-Gästekarte", die Urlaubern kostenlosen ÖPNV und Bergbahnen bietet, um Individualverkehr zu reduzieren.

Bekannte Beispiele

  • Deutschlandticket: Seit Mai 2023 ermöglicht das bundesweite 49-€-Ticket die Nutzung aller Busse und Bahnen im Nahverkehr und ist ein zentraler Baustein für multimodale Ketten. Bis Oktober 2023 wurden über 10 Millionen Abonnements abgeschlossen (Quelle: BMDV).
  • Stuttgart 21: Der umgebaute Hauptbahnhof ist ein europäischer Knotenpunkt, der Fern-, Regional- und S-Bahn-Verkehr mit Stadtbahn, Bus und Radwegen vernetzt. Kritiker bemängeln jedoch die hohen Kosten (ca. 8,2 Mrd. €) und Verzögerungen.
  • Radschnellweg RS1 (Ruhrgebiet): Der 101 km lange Radweg verbindet 10 Städte und bindet an Bahnhöfe an, um Pendler vom Auto auf das Fahrrad umsteigen zu lassen. Die Baukosten belaufen sich auf ca. 180 Mio. € (Quelle: Regionalverband Ruhr).
  • Jelbi (Berlin): Die MaaS-App des VBB bündelt ÖPNV, Carsharing (Miles, Share Now), Leihräder (Nextbike) und E-Scooter in einer Buchungsoberfläche. Seit 2021 nutzen über 500.000 Berliner die App (Quelle: VBB).

Risiken und Herausforderungen

  • Infrastrukturlücken: Vor allem in ländlichen Regionen fehlen oft schnelle Internetverbindungen für Echtzeit-Apps oder ausreichende Taktungen im ÖPNV, was multimodale Ketten unattraktiv macht. Laut Prognos-Studie 2022 sind 30 % der deutschen Haushalte nicht an ein attraktives ÖPNV-Netz angebunden.
  • Tarifdschungel: Trotz Fortschritten wie dem Deutschlandticket gibt es weiterhin über 60 verschiedene Verkehrsverbünde mit unterschiedlichen Preismodellen, was die Nutzung erschwert. Die "Mobilitätsgarantie" des BMDV zielt hier auf Vereinheitlichung ab.
  • Akzeptanz und Verhaltensänderung: Viele Nutzer:innen bevorzugen aus Gewohnheit das Auto, selbst wenn Alternativen existieren. Studien des Umweltbundesamts zeigen, dass nur 20 % der Pendler regelmäßig multimodal unterwegs sind.
  • Finanzierung: Der Ausbau multimodaler Infrastruktur erfordert hohe Investitionen. Allein für die Sanierung der Schieneninfrastruktur werden bis 2030 ca. 86 Mrd. € benötigt (Quelle: Bundesrechnungshof 2023). Kommunen und Länder streiten oft über die Kostenverteilung.
  • Datenschutz: MaaS-Plattformen sammeln Bewegungsdaten der Nutzer:innen, was Fragen nach Datensicherheit und Missbrauchsrisiken aufwirft. Die DSGVO setzt hier strenge Rahmenbedingungen.

Ähnliche Begriffe

  • Intermodaler Verkehr: Bezeichnet speziell den Wechsel zwischen mindestens zwei Verkehrsmitteln innerhalb einer Reisekette (z. B. Auto → Park-and-Ride → Bahn). Multimodalität ist weiter gefasst und umfasst auch die Nutzung eines einzigen Verkehrsmittels in einem vernetzten System.
  • Mobility-as-a-Service (MaaS): Ein digitales Geschäftsmodell, das verschiedene Mobilitätsdienste (ÖPNV, Carsharing etc.) in einer Plattform bündelt und nutzerfreundlich anbietet. MaaS ist oft ein technischer Enabler für multimodale Verkehrskonzepte.
  • Verkehrsverbund: Eine organisatorische Einheit, die verschiedene Verkehrsunternehmen (Bus, Bahn etc.) unter einem gemeinsamen Tarif und Fahrplan koordiniert. Verkehrsverbünde sind eine Voraussetzung für funktionierende multimodale Systeme.
  • Kombinierter Verkehr (Güterverkehr): Die Verknüpfung von LKW, Bahn und Schiff im Frachttransport, um Effizienz und Umweltfreundlichkeit zu steigern. Analog zur multimodalen Personenmobilität, aber mit Fokus auf Logistik.

Zusammenfassung

Multimodaler Verkehr ist ein zentrales Element der Verkehrswende in Deutschland, das durch die intelligente Verknüpfung verschiedener Verkehrsmittel nachhaltige, effiziente und nutzerfreundliche Mobilität ermöglichen soll. Getrieben durch Klimaziele, digitale Innovationen und Infrastrukturprojekte wie den Deutschlandtakt oder Radschnellwege gewinnt das Konzept an Fahrt – steht jedoch vor Herausforderungen wie Finanzierungslücken, Akzeptanzproblemen und regionalen Disparitäten.

Langfristig könnte die multimodale Mobilität den Individualverkehr deutlich reduzieren, vorausgesetzt, die politischen, technischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen werden weiter verbessert. Aktuelle Projekte wie das Deutschlandticket oder MaaS-Plattformen zeigen, dass Deutschland auf einem guten Weg ist, die Vision einer vernetzten, klimaneutralen Mobilität zu realisieren.

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